Sonntag, 31. Juli 2011

Thomas Riedl: DIE 5. FAHRT

Nichts ist unheimlicher als die Manifestation unserer individuellen Ängste. Dennoch ist gerade die Konfrontation mit ihnen unabdingbar, um selbige verarbeiten und besiegen zu können. Diese Tatsache macht sich Thomas Riedl in seinem Roman "Die 5. Fahrt" zunutze. Er entwickelt dabei ein Szenario, das mit archetypischen Urängsten spielt, die so manchem Leser nicht unbekannt sein dürften.

"Nightmare" nennt sich die neueste Attraktion im Vergnügungspark "World of Challenges". Diese spaltet sich in vier Fahrten, deren Schrecknisse sich allmählich in ihrer Intensität steigern und sich auf geniale Weise an den persönlichen Ängsten der Besucher orientieren. Betrieben wird sie von dem geheimnisvollen Inder Rahid Katalesch, der für sein cholerisch-aufbrausendes Temperament bekannt ist. Als der junge Student Marc Spencer hinter einer Tür mit der Aufschrift "5" eine weitere, noch nicht freigegebene Fahrt vermutet, wittert er die Chance, seiner Freundin als "Ersttester" zu imponieren und bricht kurzerhand in den Fahrbetrieb ein. Doch jenseits dieses Portals liegt nicht etwa eine neue künstliche Grusellandschaft, sondern sein eigenes Unterbewusstsein, in dem er schonungslos auf die Dinge trifft, denen er sonst im Leben auszuweichen bestrebt ist. Dabei stellt sich allmählich heraus, dass Katalesch einem spirituellen Orden angehört und hinter der verschlossenen Tür die heiligen Relikte dieser Gemeinschaft hütet. Doch damit nicht genug: Nachdem Marc nur unter Mühen wieder an die "bewusste Oberfläche" gelangt, muss er entsetzt anerkennen, dass er die Schrecken aus den Abgründen seiner Gehirnwindungen mit in die reale Welt genommen hat.

Schon die Idee, Psychonautik mit einer Geisterbahnfahrt in Verbindung zu bringen, verdient äußerste Anerkennung. Das neugierige Öffnen bewusst verschlossener Tore bringt nicht selten Menschen um den Verstand. Dazu zählt nicht nur der unbedachte Umgang mit dem Okkulten, sondern auch das leichtfertige Experimentieren mit halluzinogenen Drogen. Beides führt bekanntermaßen zu psychedelischen Erfahrungen, und dass der Bahnbetreiber ein Inder und der Reisende ein Student ist, erzeugt unwillkürlich Assoziationen mit den sechziger und siebziger Jahren, aus denen ein Timothy Leary recht herzlich grüßen lässt.

Schwächen bietet das Buch hingegen in der nicht ganz ausgereiften Allgemeinbeschreibung der "fünften Welt" und im gelegentlich unglücklichen Wechsel der Erzählperspektive. Gemessen an der zu erwartenden Erfahrung (die Kurzvita spricht von der Liebe zum geschriebenen Wort bereits im Kindesalter) wimmelt auch die wörtliche Rede nur so von Klischeephrasen, und die Sätze wirken zum Teil wie nacherzählt statt gründlich entwickelt. Und dennoch lässt sich aus diesem vordergründigen Manko ein Vorteil konstruieren: Denn gerade diese Einfachheit macht das Werk zu einem flüssigen Lesevergnügen, das keine verschachtelten und unverständlichen Satzgebilde aufweist, sondern an jeder Stelle im wahrsten Wortsinn schnell auf den Punkt kommt. Der Storyfaden ist dabei sehr schlüssig gesponnen und erinnert beinahe an ein Computerspiel.

Der Leser, für den philosophische Gedankengänge und tiefgründige Vergleiche kein Muss darstellen, wird an Riedls Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Ängste seine helle Freude haben. Gruselige Unterhaltung und kurzweilige Spannung sind hier garantiert.

Sonntag, 10. Juli 2011

Jens Beringer: DER PSYCHOPATH - DIE SEZIERUNG DES M...

Ein gespenstischer Totenkopf, aus dessen Schädeldecke höllische Flammen schießen, schaut uns mit furchterregenden Augen an. Darüber prangt in großen Lettern der Titel: "Der Psychopath - Die Sezierung des M..." Hinter diesem vielversprechenden Cover tut sich dem Leser jedoch ein Werk auf, das er angesichts der gruseligen Aufmachung des Buches vermutlich nicht erwartet hat.

Das Wort "Psychopath" lässt sich am ehesten mit "an der Seele erkrankt" übersetzen und wird im allgemeinen Sprachgebrauch für so genannte Geisteskranke verwendet, die bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit in Raserei verfallen. Rein medizinisch betrachtet trifft dies jedoch weniger zu. Die Psychologie versteht unter einem Psychopathen einen Menschen, der sich aus einer krankhaften Neigung heraus chronisch antisozial verhält. Und irgendwo zwischen diesen Auffassungen setzt Jens Beringer den Maßstab für die Hauptfigur seiner Geschichte an.

Nun ist Rosario M... weder ein Choleriker noch ein rücksichtsloser Lümmel, der mit Steinschleudern auf alte Leute schießt. Im Gegenteil macht er einen sehr besonnenen Eindruck und ist sogar von tiefen christlichen Überzeugungen durchdrungen. Nachdem er sich im späten 19. Jahrhundert der Camorra anschließt und eine längere Zeit in der Armee verbringt, gerät er dort immer wieder mit Kameraden und Vorgesetzten aneinander. Hier zeigt sich seine Neigung, Konfrontationen recht radikal zu begegnen, was ihm lange Gefängnisstrafen einbringt. Schnell hat er das Messer gezückt und ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, was aber in vielen Fällen noch rechtzeitig vereitelt wird. Auch scheint er zuweilen gewissen homosexuellen Anwandlungen zu unterliegen. Ein schwer zu deutender Hass auf seinen Bruder, vermutlich auf Neid begründet, zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben und führt schließlich ebenfalls zu einem finalen Mordversuch, der ihm am Ende, als er eigentlich endlich die Möglichkeit hat, seine ersehnte Freiheit zu genießen, einen Platz in der Irrenanstalt beschert.

Die Irrenanstalt ist gleichzeitig Anfang und Ende der Geschichte, denn alle Geschehnisse werden von hier retrospektiv behandelt. Dies geschieht im ersten Teil durch die Angaben der behandelnden Ärzte, in denen jedes Detail über die Person und die Vergangenheit Rosario M...'s angegeben wird. Der zweite Teil des Buches betrachtet die Ereignisse aus der Sicht des Protagonisten selbst. Im starken Kontrast zwischen der Trockenheit wissenschaftlicher Analysen und der emotionalen Beschreibung des Handelnden wird die eigentliche Absicht des Autors mehr als deutlich. Fragt man sich im ersten Teil noch voller Abscheu, mit was für einem Subjekt man es dort zu tun hat, so bekommt man im zweiten Teil zuweilen regelrecht Mitleid mit dem Akteur. Beringer bedient sich dabei eines gekonnten Sprachstils, der den Leser weit über hundert Jahre zurückversetzt. Tatsächlich bekommt man den Eindruck, es mit einem sehr alten Text zu tun zu haben.

"Der Psychopath" ist kein Horrorroman, kein Psychothriller und kein spannender Krimi. Leser, die mit derartigen Erwartungen an das Werk herangehen, werden sich vermutlich enttäuscht abwenden. Vielmehr gelang Beringer das kunstvoll gestaltete Psychogramm einer leidenden und gequälten Seele, in dem unweigerlich die Frage aufgeworfen wird, ob die Neigungen des Rosario M... angeboren sind und sein Leben in seltsame Bahnen lenkten oder ob das Leben ihn erst zu dem machte, als was er am Ende gilt. Diese Frage bleibt bewusst unbeantwortet und der Entscheidung des Lesers überlassen. Und gerade diese Tatsache macht das Werk zu einer ungewohnt anspruchsvollen Lektüre.

Samstag, 25. Juni 2011

M-F Hakket: DIE KATZE VON FRAU WAGNER

Dass Katzen laut einer alten abergläubischen Vorstellung sieben Leben haben, wissen die Meisten. Weniger bekannt ist, dass Katzen in manchen esoterischen Kreisen als Gestalt- und Dimensionswandler angesehen werden. Dies soll erklären, warum diese meist possierlichen Tierchen plötzlich und unerwartet auftauchen oder auf scheinbar unerklärliche Weise in oder aus geschlossenen Räumen verschwinden. Die Katze von Frau Wagner im gleichnamigen Roman von M-F Hakket hat ebenfalls diese Eigenschaften. Doch die erwartete Liebe und Zuneigung einer ägyptischen Bastet schenkt sie nur ihrer Besitzerin, während sie deren Peinigern die tödliche Raserei der Sekhmet entgegenschleudert.

Frau Wagner ist eine unscheinbare Mittvierzigerin, von neurotischen, hysterischen und paranoiden Ängsten geplagt, die zuweilen auch schizophrene Züge annehmen. Die Mitbewohner des Hochhauses, in dem die Rechtsanwaltsgehilfin lebt, spinnen Intrigen gegeneinander und beobachten ihre Nachbarn mit Argusaugen. Frau Wagner ist überdies heimlich in ihren Chef verliebt, wird von diesem jedoch lediglich als graue Maus angesehen. So entwickelt sie mit der Zeit eigenbrötlerische Züge und versucht verzweifelt und erfolglos, in der Gesellschaft zu funktionieren, indem sie möglichst allen Mitmenschen gerecht wird. Diese Lebenseinstellung wird empfindlich gestört, als ihr eine schwarze Katze zuläuft, die sich in ihrer Wohnung einnistet und Frau Wagner zeigt, dass es jemanden gibt, der sie mag und ihr zuhört. Von diesem Tag an ist Frau Wagner wie ausgewechselt. Ihr Charakter nimmt nach und nach selbst katzenhafte Züge an, und eine verzerrte Sicht der Welt verschafft sich Raum in ihrem Verstand. Plötzlich ist sie in der Lage, Freude zu empfinden, als sie sich einredet, ihr Vorgesetzter erwidere ihre Gefühle. Doch die Intrigen um sie herum nehmen in Wirklichkeit zu, und während Frau Wagner in einer falschen Glückseligkeit das befriedigte Schnurren lernt, breitet sich unbemerkt der Schleier einer tödlichen Bedrohung in Form schwarzer Krallen über ihren Widersachern aus.

Dass der Autor fundiertes Wissen über sozialpsychologische Zusammenhänge besitzt, bemerkt der Leser schon anhand der verschiedenen Typenbeschreibungen der Protagonisten, die sich bewusst stark überzeichnet darstellen. Da gibt es den begehrten korrekten Vorgesetzten, der in Wahrheit jedoch eher triebgesteuert ist und sich mit seinen jüngeren Sekretärinnen vergnügt. Da taucht stets die lockenwicklerbewehrte Nachbarin mit Minderwertigkeitskomplex auf, die durch dauerhaftes Lauschen an fremden Türen alle Vorgänge im Haus für ihre Machtspielchen einsetzt. Da gibt es eifersüchtige Damen, die mit Freuden ihre Konkurrentinnen zu vernichten gedenken und Sekretärinnen, die aus egoistischen Gründen stets willig sind und sich hochzuschlafen gedenken. Doch sie alle klammern bei ihrem Vorgehen den grausamen Rächer aus, der sich in Frau Wagners Räumen niedergelassen hat. Denn wenn alle Protagonisten angeblich bereit sind, über Leichen zu gehen, so ist die Katze die einzige, die diese Bereitschaft in bare Münze umsetzt.

M-F Hakkets Erstlingswerk spielt mit Elementen, die einem psychologischen Laien zumeist verborgen bleiben. Es ist daher nicht nur als Satire oder Horrorgeschichte anzusehen. In erster Linie handelt es sich um eine erstklassige Gesellschaftskritik, welche die merkwürdige Anonymität in Ballungsgebieten treffend behandelt. Die Symbolik, die der Autor dabei benutzt, sind grandios. Die Katze stellt den Teil in Frau Wagner dar, der endlich aus dieser Anonymität, diesem stumpfen Funktionieren, ausbrechen will. Die glücklichen Momente mit der Katze werfen ihre Schatten auf die Außenwelt, die nun in den Augen (grün wie die Hoffnung - genial!) der Protagonistin nicht mehr zu funktionieren scheint. Geändert hat sich indes nichts, nur ihre Wahrnehmung ist eine andere. So fährt Frau Wagner ihrerseits durch Lügen und Verheimlichungen die Krallen aus, wird selbst zur Katze, und muss sich schließlich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass Katzen im Haus nicht erwünscht sind. Und es ist insbesondere letzterer Punkt, der eindeutig darauf hinweist, dass gerade offensichtlich glückliche Menschen den sie umgebenden unglücklichen und mit sich selbst nicht zufriedenen Intrigenspinnern ein Dorn im Auge sind. Diese Nichtaktzeptanz führt bekanntlich nicht selten dazu, dass freie und glückliche Individuen weggesperrt und zuweilen sogar auf noch härtere Weise beseitigt werden. Die Katze bedeutet Freiheit, und Freiheit ist verboten. So ist der Wahnsinn, dem Frau Wagner im späteren Verlauf der Geschichte zu verfallen scheint, in Wirklichkeit nur ein Stadium eines für sie wichtigen inneren Prozesses, der jedoch an der Öffentlichkeit ganz zwangsläufig scheitern muss.

M-F Hakket hat somit ein sozialpsychologisches Bild gezeichnet, das unbequeme Wahrheiten vermittelt und sogar Roman Polanskis Erfolgsfilm "Der Mieter" inhaltlich bei Weitem übertrifft. Und dies sollte für alle Filmemacher als Aufruf verstanden werden: "Die Katze von Frau Wagner" muss ins Kino!

Freitag, 6. Mai 2011

Sascha Heeren: ZEITRAFFER

Es gibt in der Tat raffinierte belletristische Werke, die sich keiner klaren Schublade zuordnen lassen. Meistens handelt es sich dabei um die Verbindung zweier artverwandter Genres, die dabei aber dennoch einer "höheren Kategorie" untergeordnet sind. Größere Aufmerksamkeit verdienen dagegen Mischungen aus mehreren Richtungen, die weniger zueinander zu passen scheinen.

Sascha Heerens "Zeitraffer" ist ein solcher Fall. Nicht nur, dass der Autor in seiner phantastischen Geschichte wesentliche Elemente des Science-Fictions, des Horrors und der Fantasy meisterhaft miteinander verknüpft - er bringt neben einer gewaltigen Portion Gesellschaftskritik auch unglaublich schwarzen Humor mit hinein. Das Resultat ist ein cyberhafter, düsterer Thriller der Sonderklasse.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Nikolaus Rehms, der um das Jahr 3010 auf der Suche nach Arbeit an eine dubiose Firma gerät. Es wird ihm versprochen, zehn Jahre sein Auskommen zu sichern, wenn er anschließend seinen Körper als Futter für die von dem Unternehmen gezüchteten Drachen zur Verfügung stellt. Mittels einer Gehirnwäsche wird ihm diese Gewissheit jedoch genommen und stattdessen ein völlig neues Erinnerungsgebilde eingepflanzt. Nikolaus hat keine Möglichkeit mehr, diesem Teufelspakt auszuweichen. In seiner Verzweiflung wendet er sich kurz vor dem Verlust seines Gedächtnisses an den Schauspieler Klaus Biedermann, der nun völlig ahnungslos in die Sache hineingezogen wird. Gefährlicherweise beinhaltet dessen derzeitiges Schauspiel ohne sein Wissen Elemente der von dem Unternehmen geschaffenen Wirklichkeit. Durch diesen Umstand werden die Schergen des grauenvollen Zuchtbetriebes auf ihn aufmerksam. So tappt auch er in die Falle.

Mit seinem Roman schafft der Autor eine klaustrophobische Atmosphäre, die den Leser zuweilen glauben macht, in einem bösen Traum gefangen zu sein. Durch die Lebhaftigkeit und die gut durchdachten Charaktere der Figuren wird man jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dies geschieht, weil die handelnden Personen die dunkelsten Eigenschaften der menschlichen Seele verkörpern, zumindest soweit es sich um Mitarbeiter der "Firma" handelt. Gestelzte Freundlichkeit und überschwenglicher Humor der Akteure lässt schnell erahnen, dass unter dieser Fassade in Wirklichkeit das unsagbar Böse steckt - Floskeln, auf die der eher schwächliche Hauptakteur schnell anschlägt und durch die er zwangsläufig in sein Verderben rennt, und fast drängen sich Vergleiche auf mit Al Pacinos gefährlicher Rhetorik in dem Erfolgsfilm "Im Auftrag des Teufels".

Depressiv und aussichtslos wirkt die Szenerie, und jeder Hoffnungsschimmer für das wehrlose Opfer wird immer wieder mit der dampfhammerartigen Erkenntnis gelöscht, dass die Drachenzüchter am längeren Hebel sitzen. Es ist die logische Entwicklung, die letzte Konsequenz unserer erkalteten Gesellschaft, die in diese mögliche Zukunft führt, wenn auch die Drachen in ihrer Leibhaftigkeit Fiktion bleiben mögen. Doch am Ende schaffen wir in anderer Form unsere ganz persönlichen Drachen.

Der Autor versteht sein Handwerk, und die Anschaulichkeit der Beschreibungen lädt förmlich dazu ein, dieses Meisterwerk auf Zelluloid zu bannen. Zwischendurch festgestellte vermeintliche Ungereimtheiten erklären sich im Laufe des Romans von selbst, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Heeren seine recht verschachtelte Story voll im Griff hat. Wer Spannung, Grusel und eine thrillige, finstere Athmosphäre liebt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen können.

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Mittwoch, 27. April 2011

J. Mertens: GENIUS VACUI


GENIUS VACUI
Autor: J. Mertens
Softcover 13,5 x 20,5
240 Seiten
epubli-Verlag
€ 16,00

Direktlink: Genius Vacui auf Epubli

Hinter alten Mauern wuchert der Wahnsinn unbemerkt...

Jefferson Ashcroft lebt mit seiner Frau Linda in einem abgeschiedenen alten Herrschaftssitz. Als Linda tödlich verunglückt, kann er die schreckliche Wahrheit nicht verkraften. Im eingeredeten Glauben, seine Frau sei in einen tiefen Schlaf verfallen, vergeht er sich an der bereits verwesenden Leiche und zieht sich dabei eine Infektion zu, die auch zu seinem eigenen Verfall führt. Die Ereignisse überschlagen sich, als die Tote Anzeichen einer Schwangerschaft zu zeigen scheint...

Romantik zwischen Fäulnis, Fliegen und der Ewigkeit...

Mit dem vorliegenden Roman öffnet J. Mertens die Tür zu einer neuen Dimension im Horror-Genre. Mithilfe eines Tabubruches schildert er das verzweifelte Festhalten an einer längst erloschenen Liebe, an dessen Ende nur die erschreckende Kausalität der vernichtenden Leere stehen kann.


Montag, 25. April 2011

Wandelbar - Zeitreise durch das Leben (Vierte Anthologie des Inselchenforums - Hrsg. Elfie Nadolny & Wolf-Jakob Schmidt)

"Panta Rhei" ist eine auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgehende Formel, die besagt, dass alles einem Fluss unterworfen ist. Aus dieser Formel heraus entstand bei den späteren Philosophen die Flusslehre, in der die stetige Veränderung des Flusses durch ständig neues Wasser eine große Rolle spielt. 

Die vierte Anthologie des Inselchenforums greift diese Überzeugung auf und präsentiert eine Zusammenstellung von Gedichten und Geschichten rund um den Kreislauf des Jahres. "Wandelbar" lautet treffenderweise der Titel des Buches, und so wechselhaft, wie sich uns die Abschnitte des Jahres zeigen, so unterschiedlich ist auch der Erzählstil der diversen Beiträge der Anthologie. Von Nachdenklich über Humoristisch bis Melancholisch ist jeder literarische Gefühlsausdruck vertreten. Dabei greifen die Autoren sowohl auf selbst Erlebtes als auch auf fiktive Begebenheiten zurück.

"Wandelbar" liefert mit seinen wunderschönen impressionistischen Texten genügend Stoff für gemütliche Themenabende, an denen Kinder und Erwachsene ihre Freude haben werden. Während im Herbst die Blätter von den Stürmen davongetragen werden, wird der Leser sich an das eine oder andere Gedicht erinnern. Und wenn die Weihnachtszeit naht, werden sich viele Kinder sicherlich freuen, in der warmen Wohnung am Kamin die verschiedenen Geschichten vom Nikolaus vorgelesen zu bekommen. Man wünscht sich förmlich eine Hörbuchversion herbei, die ganz bestimmt in hektischen Zeiten eine ausgleichende Entspannung beschert.

Insgesamt 15 Autoren und Fotografen sind an dem Gemeinschaftswerk beteiligt. Mit stimmungsstarken Gedichten und Kurzprosa sind Wolf-Jakob Schmidt, Sandy Green, Sonja Rabaza, Elfie Nadolny, Torsten Jäger, Maria Ording, Stefan Guth und Arne Arotnow vertreten. Neben einigen der bereits Genannten steuern Leah Schurr, Gabriele Eder und Angelika Schütze einige Kurzgeschichten bei. Abgerundet wird das Ganze durch fast schon meditationsgerechte Fotografien von Petra Hielscher, Cor Kluytmans, Michael Schütze und Klaus Nadolny sowie den zuvor erwähnten Autoren.

Bereits auf den ersten Seiten entsteht sofort ein verbal-malerischer Eindruck, der sich durch gekonnt bildhafte Ausdrucksweise hinsichtlich der Gegebenheiten einer bestimmten Jahreszeit oder einer Festlichkeit fast augenblicklich vor dem inneren Auge des Lesers manifestiert. Unwillkürlich denkt man an die beliebten Abreißkalender, die jedem Tag einen besonderen Spruch zuweisen. Doch im Gegensatz zu diesen bietet "Wandelbar" keine schnöden und längst bekannten Zitate alter Meister, sondern liebevoll zu Papier gebrachte Verse und Kurzgeschichten neuzeitlicher Autoren, die ihr Handwerk ebenso verstehen und eine Galerie schriftstellerisch-impressionistischer Gemälde schufen, welche den Lauf des Jahres und seiner Höhepunkte kunstvoll für die Ewigkeit festzuhalten weiß. So ist es schwer bis unmöglich, einen bestimmten Autor besonders hervorzuheben, da die Gesamtheit des Werkes erst diese bunte Bildersammlung möglich macht.

Der Eintritt in diese Galerie lohnt sich eigentlich für jede Geschmacksrichtung, denn beim Vertiefen in die sprachliche Farbgebung der Beiträge wird der Leser nur allzu oft auf sich selbst zurückgeworfen, und er stellt fest, dass die Lösung so manchen Alltagsproblems durch die Beobachtung der Welt um ihn herum gefunden werden kann. Dabei wird er immer wieder mit dem Panta Rhei konfrontiert und aufgefordert, das Verflossene ziehen zu lassen und sich auf Neues zu konzentrieren.

Denn der Mensch ist wandelbar - Wandelfähigkeit liegt jedoch an Jedem selbst. Wer erkannt hat, dass er nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, ist auf dem besten Wege, diese Kunst zu erlernen. Die vierte Anthologie des Inselchenforums kann dazu einen wesentlichen Teil beitragen, und diese Chance sollte man sich gönnen.

Montag, 4. April 2011

Netztexter - ein Beruf fürs Leben?

Immer wieder ist die Rede von Möglichkeiten, im Internet zu Geld zu kommen. Natürlich ist damit in der Regel das schnelle Geld in Hülle und Fülle gemeint. Realisten haben längst erkannt, dass sich hinter den unzähligen Versprechungen meistens nichts als Katzengold verbirgt. Dennoch gibt es - besonders für Autoren und Texter - einige Chancen auf ein lukratives Nebeneinkommen in Form von Textportalen. Wie hoch sind die Verdienstmöglichkeiten? Kann man von der Arbeit leben?

Zunächst muss gesagt werden, dass gute Texter (im Sinne von Auftragsschreibern und Ghostwritern) generell ihre Preise haben. Diese Preise gestalten sie zumeist selbst anhand bestimmter Faktoren wie Zeitaufwand, Länge des Textes, Dauer und Umfang der Recherche etc. Handelt es sich dann noch um promovierte Germanistiker oder ähnlich gut ausgebildete Deutschmeister, so kann die Inanspruchnahme ihrer Dienste (zu Recht) mit sehr hohen Preisen verbunden sein. Das Resultat ist dann auch ein professioneller Text, der in puncto Grammatik, Stil und Ausdruck keines weiteren Lektorates mehr bedarf. Gute Qualität für gutes Geld - so lautet die Devise selbstständiger Profitexter, und dass diese sich mit der Zeit einen Namen machen, der es ihnen gestattet, von ihrer Arbeit zu leben, versteht sich von selbst.

Anders sieht es aus bei Autoren und Textern, die ihre Aufträge über die genannten Internetportale beziehen. Hier gibt der Kunde die Preise vor, und diese liegen nicht selten bei Umrechnung auf die damit verbundene nötige Arbeit auf der Höhe eines Hungerlohnes. Dies ist allerdings wiederum meistens abhängig von den zuvor ausgeloteten Fähigkeiten des jeweiligen Texters. Meldet man sich auf solchen Seiten an, so ist man vielfach verpflichtet, einen Mustertext einzureichen. Anhand dieses Textes, der auf Rechtschreibung und Stil geprüft wird, wird man in eine Kategorie eingeteilt, die den Autor auf eine bestimmte Stufe stellt. Steht man nun beispielsweise auf Stufe 3, so kann man auch nur Aufträge bekommen, die seitens der Kunden mindestens für diese Stufe freigegeben sind. Je höher die Stufe, desto besser der Verdienst. Die eingereichten Texte werden nach der Abgabe durch den Autor auch nach und nach von den Seitenbetreibern geprüft, und wird festgestellt, dass die Texte immer besser werden, so steigt man im Laufe der Zeit natürlich auch z. B. in Gruppe 4 oder (je nach Portal) höher auf. Nur selten kommt es dagegen vor, dass bereits der Mustertext so hoch bewertet wird.

Die Aufträge selbst werden nach einem "Open-Order"-Prinzip von den Kunden im Portal verewigt, d. h. die Autoren suchen sich die Aufträge selbst heraus. Fallen die Texter bei einem Kunden immer wieder positiv auf, so können sie auch "Direct Orders" von diesem beziehen und in diesem Fall individuelle Preise aushandeln oder das hierfür erwartete Honorar bereits in ihrem Profil angeben (was aber an der Bezahlung der Open Orders nichts ändert).

Nun sieht es so aus, dass das Honorar eines relativ gut bewerteten Texters bei etwas mehr als € 1,00 pro 100 Worte liegt, was für professionelle selbstständige Vollbluttexter natürlich nichts weiter als ein schlechter Witz ist. Dennoch muss man sich überlegen, was man genau will - man darf nicht vergessen, dass viele der jetzt hauptberuflichen Profitexter mit der Arbeit auf diesen Portalen angefangen haben. Erfahrungen lassen sich hier allemal sammeln, und wenn dabei auch noch etwas Geld verdient werden kann, hat man schon zwei Vorteile auf einen Streich. Um Neppangelegenheiten handelt es sich keineswegs, und wer Spaß am Schreiben hat und lediglich zu seinem eigentlichen Job noch etwas dazuverdienen möchte, der ist als Texter auf diesen Portalen sehr gut aufgehoben.

Tatsächlich ist es theoretisch sogar möglich, dort so viel Geld zu verdienen, dass es zum Leben reicht. Dazu wäre es allerdings nötig, den ganzen Tag und einen Teil der Nacht fast ohne Pause vor dem Computer zu sitzen und sich wirklich nur die Aufträge herauszusuchen, die auf die eigene (hoffentlich hohe) Stufe ausgerichtet sind. Doch wie ich schon erwähnte: Theoretisch ist das möglich! In der Praxis kommt da leider ein nicht zu unterschätzendes Problem hinzu: Während bereits die Einnahmen für Gelegenheitstexter auf diesen Portalen bei der Einkommensteuer angegeben werden müssen, so kommt beim hauptberuflichen Texten der Umstand der Selbstständigkeit als Freiberufler ins Spiel. Dies bedeutet, dass man von dem mühsam ertippten Geld noch weitere Abgaben an Vater Staat abzuführen hat, darunter auch die Sozialversicherung, die der Freiberufler voll zu tragen hat, wenn er nicht das Glück hat, in der KSK (Künstlersozialkasse) unterzukommen, die wie im Angestelltenverhältnis die Hälfte übernimmt. Nach diesen Abzügen reicht der übrige Gewinn nämlich bei Weitem nicht mehr zum Leben. Und hier stellt sich die Frage, ob es die Sache wirklich wert ist, mehr als 15 Stunden am Tag unentwegt Texte zu verfassen und am Ende doch nicht davon leben zu können.

Daher kann gesagt werden, dass die Arbeit in diesen Portalen als Nebenjob oder Starthilfe für eine angehende Selbstständigkeit (vielleicht auch als "Zusatzversicherung" bei Leerlaufphasen während bereits bestehender Selbstständigkeit) in jedem Fall von Vorteil ist. Reich wird man allein davon jedoch auf gar keinen Fall. Wenn man sich vor Augen hält, dass man für einen Text, bei dem am Ende vielleicht € 4,00 herauskommen, über eine Stunde recherchiert und schreibt, kann man sich den Monatsverdienst leicht ausrechnen, wenn man regelmäßig schreibt. Realistisch sind dagegen durchaus ein paarhundert Euro, und bleibt man nebenberuflich unter monatlich € 400,00 (die man locker erreichen kann), so kann man diesen Betrag auch wirklich als Gewinn verbuchen. Das ist machbar - verzichten Sie einfach nur auf die üblichen Luftschlossbaustellen, denn deren Brachliegung nach einiger Zeit wäre vorprogrammiert.

Im Folgenden ein paar Links zu Texterportalen:



Textbroker ist das führende Texterportal mit unzähligen Aufträgen. Schreibt man gute Texte, so erreicht man schnell die Stufe 4, die bezüglich der Honorarhöhe vollkommen ausreicht, da es auf der einzig höheren Stufe 5 so gut wie keine speziellen Aufträge gibt. Man muss allerdings damit leben, dass die Bewertungen seitens Textbroker mitunter lange auf sich warten lassen. Für besondere Probleme gibt es aber auch ein Forum, in denen sich die Autoren austauschen können. Die Bezahlung (mindestens € 10,00) erfolgt um die Monatsmitte und muss rechtzeitig durch den Autor veranlasst werden.



Dieser Anbieter hat ein etwas großzügigeres Bewertungssystem, in dem man auch durch den Mustertext schon in eine relativ hohe Kategorie eingeordnet werden kann. Ferner hat man die Möglichkeit, sein Profil mit einem Foto zu versehen. Die Auszahlung kann, sofern € 10,00 erreicht sind, auf Veranlassung des Autors täglich erfolgen. Leider finden sich bei Content nicht so viele Aufträge wie bei Textbroker. Dafür kommt man schneller an besser bezahlte Aufträge.



Nun, man soll ja die Hoffnung nie aufgeben, und vielleicht entwickelt sich Clickworker dereinst so gut wie Textbroker oder Content. Derzeit sieht es leider so aus, dass unsinnigste Qualifizierungen angeboten werden, die man zwar nicht ableisten muss, aber dann auch nur verschwindend wenige Aufträge zur Auswahl hat. Letztere sind oft zudem wirr und unverständlich gestaltet. Und nicht zuletzt braucht Clickworker offenbar Ewigkeiten, um die eingereichten Qualifizierungen zu prüfen. Nachdem ich mangels nachvollziehbarer Aufträge nach über anderthalb Monaten immer noch nicht auf die zur Auszahlung benötigten € 10,00 gekommen bin (unglaublich, aber wahr), habe ich mit einer würzigen Mail heute meine Arbeit dort beendet. Es mag sich Jeder seine eigene Meinung bilden - für mich ist jeder Besuch bei Clickworker eine Verschwendung kostbarer Zeit, deren bessere Nutzung in den anderen beiden Portalen bares Geld garantiert.